Wie lernen Menschen ?

Diese Frage begeistert mich eigentlich schon ein Leben lang. Besonders beeindruckend ist auch, dass es so wahnsinnig viele verschiedene Antworten auf diese Frage aus den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen gibt. Standardmäßig werden bei der Begründung von Lernvorhaben immer wieder die bekannten Lerntheorien zitiert: Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus, usw… Ich selbst bin ein Fan der ganzen reformpädagogischen Ansätze, die in der Regel nur im Bereich der Erziehungswissenschaften wahrgenommen werden. Auch das “situierte Lernen” liefert spannende Anregungen für die Organisation von effizienten Lernräumen.
In meiner beruflichen Praxis als Lehrer, Medienpädagoge oder neuerdings auch “e-Learning-Berater”, in der ich mich seit vielen Jahren mit der Planung und Umsetzung von Lehr- und Lernsituationen in Schule und Hochschule befasse, entdecke ich tagtäglich das Wesen des Lernprozesses neu; neuerdings auch am Fachbereich Biologie der Freien Universität Berlin, dem ich im Bereich der mediengestützten Lehre beratend zur Seite stehe.
Hier erhalte ich unter anderem Einblicke in neurobiologische Beschreibungen des Lernvorgangs, die weit von dem entfernt sind, was ich vor vielen Jahren in der Lehrerausbildung gelernt habe. Genau solche Umstände sind es, die für mich das “Lernen an sich” immer wieder interessant machen. Wenn gewohnte Dinge plötzlich in einem völlig neuen Licht erscheinen, ist das einfach faszinierend.
Weniger faszinierend allerdings ist es, dass der seit Jahrzehnten andauernde Hype um die Neuen Medien die grundlegendsten Erkenntnisse bezüglich des Lernens weitgehend auszublenden scheint. So beginnt sich auch in der Lehre allmählich ein Begriff zu etablieren, der vorgibt, es gebe neben dem Lernen an sich eine grundsätzlich neue, elektronische Form des Lernens: das e-Learning. Das dem nicht so sein kann, sagt einem eigentlich schon der natürliche Menschenverstand. Nur weil ein weiteres - zugegebenermaßen sehr komplexes - Medium wie der Computer eingesetzt wird, um den Lernprozess zu unterstützen, verändert sich doch nicht der prinzipielle psychologische Vorgang des Lernens. Durch diese sehr vereinfachende Betrachtungsweise des Lernprozesses im Kontext des e-Learnings werden bei der Lehr- und Lernplanung immer wieder relevante Erkenntnisse aus Lernpsychologie und Pädagogik übersehen.
So gibt es eine Vielzahl von - für die Mediendidaktik wesentlichen - Fakten, die aus pädagogischer Perspektive helfen könnten, effiziente auch mediengestützte Lernprozesse anzuregen. Fakten, die in den entsprechenden Diskursen der Mediendidaktik viel zu wenig Widerhall finden oder nur pflichtgemäß zitiert werden, aber nicht in reale Handlung umgesetzt werden.
Mit diesem Blog möchte ich solche Fakten aufspüren, mit Zitaten begründen, diskutieren und öffentlich verfügbar machen. Hier in Stichworten einige spontan zusammengestellte Beispiele:
- Effizientes Lernen setzt eine Vielfalt von Aktionsformen voraus, die von der körperlichen Bewegung über die Auseinandersetzung mit den Gegenständen in der Realität bis zur Kommunikation mit am Lernprozess beteiligten Akteuren reichen.
- Lernen ist ein extrem vielschichtiger Prozess, der nicht auf hunderte Mausklicks vor flimmerndem Monitor reduziert werden kann.
- Lernen ist dann am nachhaltigsten, wenn der Lernende zum handelnden Akteur wird, der im Lernprozess selbst Entscheidungen trifft.
- Die Lernenden konstruieren sich ihr Wissen selbst. Lehrmaterialien müssen so aufbereitet und verfügbar gemacht werden, dass jederzeit, unabhängig vom Vorwissen auf die jeweils wesentlichen Lernmaterialien zugegriffen werden kann.
- Der jeweilige Werkzeugcharakter des Computers definiert, in welchen Lernkontexten er effizient als Medium eingesetzt werden kann und in welchen nicht.
- Der Lehrende als reale, ansprechbare Person und die Gruppe der Mitlerndenden sind unverzichtbare Bestandteile eines effizienten Lernprozesses.
Berlin, 21.8.2006
